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Künstler

Erich Heckel

Titel

Tübingen

Jahr
1920
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 80 x 70 cm
Rahmenmaß 89 x 79,5 x 4 cm
Details zum Erwerb
Erworben 1971 als Schenkung von Siddi Heckel
Credits
Copyright (Print): Nachlass Erich Heckel, Hemmenhofen
Copyright (Online): VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Die Zeit nach Heckels Rückkehr aus dem Ersten Weltkrieg war gekennzeichnet von zahlreichen Reisen in die verschiedenen deutschen und europäischen Landschaften — »Tübingen« entstand auf einer Reise durch Süddeutschland, die Heckel über den Schwarzwald und die Schwäbische Alb bis zum Bodensee führte.
Dieses Bild zeigt erstmals die meisterhafte Verschränkung verschiedener Wirklichkeitsebenen und läutet damit ein neues Kapitel in Heckels künstlerischem Schaffen ein: Zum einen handelt es sich um eine topographisch genaue Wiedergabe des Blicks von einer Neckarbrücke auf die Altstadtkulisse Tübingens mit dem markanten Hölderlin-Turm im Zentrum. Zum anderen erreicht Heckel durch die eigenwillige Interpretation der Perspektive eine symbolhafte Bedeutungsebene der Darstellung. Die überspannende runde Gesamtform und die Dynamisierung läßt die Stadtansicht zu einem Sinnbild des Weltenrundes werden, zu einer Visualisierung des ewigen Kreislaufs der Schöpfung. Gerade in den Jahren 1919 / 1920 ist diese Rundform, die die gesamte Darstellung umspannt, im Werk Heckels verschiedentlich anzutreffen.
Das Mittel, um diese Symbolhaftigkeit entstehen zu lassen, war die Perspektive. Die klassische Zentralperspektive hatte für die »Brücke«-Maler schon lange keine bindende Gültigkeit mehr. Bereits 1908/09 hatte sich Heckel von ihr gänzlich gelöst und mit mehreren Fluchtpunkten, aber auch einfach übereinander gestaffelter Flächigkeit gearbeitet. Nun jedoch kreierte er durch die leicht gebogenen Linien der Häuser, die dadurch schwankend erscheinen, und dem kurvigen Schwung des Flusses eine starke Dynamik in der Szene. Die gesamte Welt scheint in einen immerwährenden Bewegungsfluß eingebunden zu sein, der in einer Diagonale über das Bildinnere hinaustritt. Innerhalb der übergeordneten weichen und runden Formen spielt Heckel mit der Vielfalt der kleineren Bildelemente, aus denen sich das Städtchen zusammensetzt, beispielsweise indem er die vielen spitzwinkligen Dreiecke der Häusergiebel mit den überspannenden Ovalen kontrastieren lässt.
In der Farbgestaltung ist ebenfalls deutlich die neue Qualität zu erkennen, die Heckels Arbeit in den 20er Jahren kennzeichnet: Statt der intensiven Leuchtkraft und der stark komplementären Kontraste der »Brücke«-Zeit ist der Grundton deutlich verhaltener und eher naturalistisch am visuellen Vorbild orientiert. Der Schwerpunkt liegt nun auf der Kraft des Lichtes, das aus dem Bild selber zu leuchten scheint. Das matte Gelb und das frische Grün, die warmen Ockertöne im Zusammenspiel mit dem pastellhaften Blau vermischen sich zu einem zarten, kostbaren Schimmern, das den Eindruck von aquarellhafter Leichtigkeit vermittelt. Technisch erreicht Heckel diesen Effekt durch den geradezu altmeisterlichen Auftrag der Farbe in lasierenden Schichten, die hauchdünn eine über der anderen aufgetragen wurden.
Leopold Reidemeister, der Gründungsdirektor des Brücke-Museums, fand für dieses stille und gleichzeitig ausdrucksstarke Bild den Begriff des »romantischen Expressionismus«.(1) In dem Terminus vereint sich die weltanschauliche, metaphysische Geistigkeit der Darstellung mit der persönlichen Komponente der individuellen Wahrnehmung, die Heckel mittels der verschobenen Perspektive ins Bild bringt. Überhaupt trifft diese Charakterisierung Reidemeisters den Kern der Landschafts- und Stadtdarstellungen Heckels in den 20er Jahren.
Das Gemälde »Tübingen« gehört an den Anfang einer langen Reihe von Stadtansichten, die in den 20er Jahren als Thema zu Heckels Schaffen neu hinzutreten. Das Sujet der Vedute hat in der Malerei der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor allem Oskar Kokoschka zu einer gültigen, von der modernen Sichtweise geprägten Darstellung gebracht, doch auch Erich Heckels Stadtansichten sind moderne Formulierungen dieses Themas von außerordentlichem Rang.

(1) Leopold Reidemeister im Bildkommentar zu »Tübingen«, in: Das Brücke-Museum, Berlin 1984, S. 178.

Janina Dahlmanns

Aus: Moeller, Magdalena M. (Hrsg.): Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2006.

Klassifizierungsdetails

Literatur

303/66, Erich Heckel (1883 - 1970), Tübingen, 1920

304/66, Erich Heckel (1883 - 1970), Tübingen, 1920

Das Brücke-Museum, Reidemeister, Leopold, Berlin, 1984, Abb. S.179

Das Brücke-Museum Berlin, Moeller, Magdalena M., München : Prestel, 1996, Abb. S.64

Erich Heckel : 1883 - 1970 ; Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Graphik, Dube, Annemarie, München : Prestel, 1983, Abb. S.65, 128, Kat. Nr.58

Erich Heckel, Thormaelen, Ludwig, Berlin : Klinkhardt & Biermann, 1931, Abb. S.15

Erich Heckel : Bilder, Drucke ; 1911-1949, Passarge, Walter, Freiburg i. Br. : Kunstverein, 1950, Kat. Nr.7

Erich Heckel : zur Vollendung des 8. Lebensjahrzehntes. Ausstellung, Museum Folkwang, Essen, 2. November 1963 - 5. Januar 1964, Essen : Museum Folkwang, 1963, Kat. Nr.28

Erich Heckel : Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Graphik aus 50 Schaffensjahren, Händler, Gerhard, Duisburg : Städtisches Kunstmuseum, 1957, Kat. Nr.32

Erich Heckel : paintings, watercolours, drawings, graphics. 1971-1972, Berlin, 1971, Kat. Nr.22

Erich Heckel - sein Werk der 20er Jahre, Dahlmanns, Janina, Remm, Christiane, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2004, Kat. Nr.49

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik : kommentiertes Verzeichnis der Bestände, Beloubek-Hammer, Anita, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2006, Erw. S.112, Abb. S.113, Kat. Nr.31

Brücke Museum Highlights, Moeller, Magdalena M., München : Hirmer, 2017, Kat. Nr.88

Erich Heckel : der große Expressionist ; Werke aus dem Brücke-Museum Berlin, Bielefeld, Marlene, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2013, Erw. S.251, Kat. Nr.148