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Künstler

Erich Heckel

Titel

Irrer Soldat

Jahr
1916
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 51,5 x 41,3 cm
Rahmenmaß 62,5 x 53 x 4 cm
Details zum Erwerb
Erworben 1976 als Schenkung aus Privatbesitz
Credits
Copyright (Print): Nachlass Erich Heckel, Hemmenhofen
Copyright (Online): VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Mit dem Alltag der psychisch Kranken und geistig Verwirrten hatte sich Heckel 1914 schon einmal intensiv auseinandergesetzt, als er ihnen eine ganze Werkgruppe widmete. Unmittelbarer Auslöser dafür war wahrscheinlich ein Besuch im Maison de Santé in Berlin Schöneberg, der ihm das trostlose Dasein der Psychatriepatienten direkt vor Augen führte.(1) Wie viele Künstler des Expressionismus hegte Heckel große Symphatien für die gebrochenen Charaktere der Geistes- und Gemütskranken und deren Außenseiterstellung, und die verachtende öffentliche Haltung ihnen gegenüber teilte er nicht. Vielmehr entdeckte er hinter dem unheimlichen oder auch bedrohlichen Äußeren einen wahrhaftigen Menschen, der ungerechtfertigt hinter geschlossenen Anstaltsmauern sein trauriges Schicksal fristen muss. In ihrer Distanzierung vom gemeinen Bürgertum mit seinen traditionellen Werten entwickelten die Expressionisten generell ein weitläufiges Interesse für Randfiguren der Gesellschaft und empfanden ihnen gegenüber eine gewisse Verbundenheit.
Die tragischen Szenen des Krieges mit verletzten und verstümmelten Opfern, mit denen Heckel während seiner Tätigkeit als Pfleger in der Krankensammelstelle regelmäßig konfrontiert war, lösten erneut die Beschäftigung mit den vielschichtigen Facetten menschlicher Verwundbarkeit aus. Angesichts des Wahnsinns der Kriegsgeschehnisse verzweifelten viele der vormals enthusiastischen Soldaten und entwickelten mehr oder minder schwere psychischen Störungen. Durch die permanenten Überbelastungen von Körper, Geist und Seele, die eine Erholung von den Strapazen des Krieges und eine Verarbeitung der Schreckensbilder gar nicht mehr zuließen, konnten sich die Kämpfenden mental oftmals nur noch in schwere Nervenkrisen oder sogar Psychosen flüchten. Diese seelisch gebrochenen Kreaturen hielt Heckel bildlich fest und stellte sie teilweise auch den körperlich Versehrten gegenüber, um das ganze Ausmaß des Kriegsleids an Körper und Seele zu veranschaulichen. So zeigt das Gemälde »Irrer Soldat« das Portrait eines Angehörigen des Militärs im Uniformhemd. Äußerlich unversehrt befindet er sich in aufrechter Haltung vor den bescheidenen Betten eines tristen Schlafraums; sein skeptisch-leerer Blick scheint etwas in weiter Ferne zu fixieren. Nur die blutunterlaufenen Augen, umschattet von tiefen Augenringen in seinem ausgemergelten Gesicht, und die wie durch nervöse Zuckungen nicht mehr zu kontrollierende, hochgezogene Oberlippe sind Hinweise auf seine immense psychische Erregung. Weitere äußerliche Merkmale der Erkrankung läßt seine allgemeine Erschöpfung nicht mehr zu. Der seelische Zustand des Mannes und seine Gesichtszüge mit bärtigem Kinn und rotem Haupthaar wecken Assoziationen an die späten Selbstbildnisse des gemütskranken van Gogh. Isoliert von allen anderen befindet sich der Portraitierte hier allein in einem leeren Schlafsaal. Auch sein Geist scheint sich von der Realität seiner Kameraden zurückgezogen zu haben. Sein Blick geht ins Nirgendwo, jegliche Verbindung nach außen scheint abgerissen. Die äußere Leere wird somit zum Sinnbild der inneren. Durch die relativ traditionelle Wiedergabe des Dargestellten und die beruhigte Bildsprache lenkt Heckel die Aufmerksamkeit auf die sich in den Gesichtszügen manifestierte emotionale Anspannung. Die unsentimentale, nüchterne Schilderung des »Irren Soldaten« zusammen mit der Klarheit und Festigkeit der Formen und dem relativ geglätteten Malduktus weisen in eine stilistische Richtung, welche bereits die Darstellungsprinzipien der Neuen Sachlichkeit berührt. Insgesamt erweist sich Heckel in seinen zu Kriegszeiten entstandenen Bildwerken eher als distanzierter Beobachter, der das Gesehene protokollarisch festhält, als ein traumatisierter Betroffener, wie das etwa bei Max Beckmann (1884-1950)(2) der Fall war, der die Greueltaten und Wundmale des Krieges sehr direkt und schonungslos offenlegte. Eine deutliche Anklage der gesellschaftlichen Verhältnisse ist bei Heckel dagegen nicht festzustellen. Die eigene unmittelbare Erschütterung hält er in seinen Bildern zurück, wie es der Dienst im Krankenlazarett ja auch erforderte. Seine Kriegserfahrungen fließen vielmehr als verschlüsselte Botschaften in die Bildsprache ein, wo er mittels harter Kontraste und gebrochener Farben die düsteren Stimmungen dieser Zeit wiedergibt.

(1) Siehe dazu: Susanne Augat, Das Bild des »Irren« im Expressionismus, in: Ausst.-Kat. Expressionismus und Wahnsinn, hrsg. von Herwig Guratzsch, Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen, Schloss Gottorf, München 2003, S. 16-32.
(2) Max Beckmann war ebenfalls in Flandern in der Nähe von Heckels Sanitätszug stationiert. Eine kurze Begegnung bot jedoch kaum Gelegenheit für einen nachhaltigen künstlerischen Austausch, und beide verarbeiteten ihre Kriegseindrücke später auf höchst unterschiedliche Weise. Siehe dazu: Max Kaus, Mit Erich Hecket im ersten Weltkrieg, in: Erich Heckel zum
Dank und Gedenken, hrsg. von Leopold Reidemeister, Brücke-Archiv, Heft 4, 1970, S. 5-14.

Cathy Stoike

Aus: Moeller, Magdalena M. (Hrsg.): Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2006.

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
Signiert unten links: Heckel 16 (Signatur)
: Nicht bezeichnet (Bezeichnung)

Inventarnummer
13/76

Werkverzeichnisnummer
Vogt 1916 / 1

Literatur

280/66, Erich Heckel (1883 - 1970), Irrer Soldat, 1916

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik : kommentiertes Verzeichnis der Bestände, Beloubek-Hammer, Anita, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2006, Erw. S.108, Abb. S.109, Kat. Nr.29

Erich Heckel : der große Expressionist ; Werke aus dem Brücke-Museum Berlin, Bielefeld, Marlene, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2013, Erw. S.191 f., Kat. Nr.136