Zurück zu den Ergebnissen
Zurück zu den Ergebnissen
Künstler

Erich Heckel

Titel

Oluf Samsongang in Flensburg

Jahr
1913
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 69,5 x 80 cm
Rahmenmaß 86,4 x 95,7 x 4,3 cm
Verknüpfte Ausstellungen
Die Brücke 1905 - 1914, 2018/19, Museum Frieder Burda, Baden-Baden
Details zum Erwerb
Erworben 1972 als Schenkung von Karl Schmidt-Rottluff
Credits
Copyright (Print): Nachlass Erich Heckel, Hemmenhofen
Copyright (Online): VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Das Gemälde »Oluf Samsonsgang in Flensburg« gehört zu den Gemälden der »Brücke«, deren Ankauf durch das großzügige Engagement Schmidt-Rottluffs erst realisiert werden konnte. Neben seinen umfangreichen Schenkungen an Gemälden, Aquarellen, Zeichnungen und Graphik, ergänzt durch ebenso umfassende Gaben von Erich Heckel, ermöglichte Schmidt-Rottluff durch finanzielle Unterstützung den Erwerb von Werken, die bis dahin im Bestand weniger oder nicht ausreichend repräsentiert waren. So vervollständigte sich die Sammlung des 1967 gegründeten Hauses stetig und kann nun einen exzellenten Überblick des Schaffens der expressionistischen Künstlergruppe bieten.
Das Gemälde »Oluf Samsonsgang in Flensburg« entstand allem Anschein nach auf der Suche nach einem naturnahen, ursprünglichen Domizil an der Ostseeküste, wohin sich Heckel in den Sommermonaten zum Malen zurückziehen wollte. Nach einem Besuch bei dem Hamburger Sammler und Mäzen Gustav Schiefler fuhren die Heckels von Flensburg aus an der Förde entlang(1) und entdeckten den Flecken Osterholz, der bis 1944, mit Ausnahme der Kriegsjahre 1914-18, zum regelmäßigen Aufenthaltsort der Sommermonate werden sollte.(2) Die Fotografie einer Parallelstraße zeigt den Blick die Straße hinab auf das Meer, die besondere Charakteristik der eingeschossigen alten Häuschen und den gleichen gotisch aufragenden Kirchturm. Deutlich wird in diesem Vergleich die künstlerische Freiheit und die formale Neuinterpretation des gesehenen Bildes in der persönlichen Wahrnehmung des Malers. Um seine Empfindung gegenüber dem Landschaftlichen einerseits, aber auch seine individuelle Stimmung und die Lebenssituation eines Daseins in ständiger Bewegung andererseits visuell umzusetzen, ist die gesamte Komposition aus wogenden Einzelformen aufgebaut. Die traditionelle Zentralperspektive wurde von Heckel nun nicht mehr nur ignoriert, wie es bereits im Dresdener »Brücke«-Stil vielfach geschehen war. Stattdessen verstärkte sich angesichts der Wandlung durch die Erfahrungen der Großstadt und der zunehmenden Individualisierung die Verwendung der Perspektive als Ausdrucksmittel. Sämtliche Fluchtlinien sind in sich gebogen, so dass eine verzerrte, und vor allem stark dynamisierte Wirkung entsteht.(3) Die kleinen, die Straße flankierenden Häuser sind aus tektonischen Flächen aufgebaut, die miteinander zwar statisch verklammert sind, sich jedoch wie auf einem riesigen Rad angeordnet in einer übergeordneten Bewegung befinden. Die Straße selber wirkt dabei wie eine überdimensionierte Scheibe, die den Betrachter in einer Rotationsbewegung regelrecht ins Bild hineinrollt. Ziel dieser Bewegung ist die blaue Wasserfläche im Zentrum des Bildes, die wie eine Art Fluchtpunkt inmitten des dynamischen Sogs steht. Hier öffnet sich der Blick auf die Flensburger Förde und charakterisiert somit die besondere topographische Situation der am Meeresarm gelegenen Stadt.
Verdünnte schwarze Farbe nutzte Heckel zur Definition der Konturen; mit lockerer und ungemein sicherer Hand zeichnete er das Gerüst der Komposition. Die Farben, mit denen Heckel die so entstandenen Flächen füllte, sind die vier Grundfarben, die er, ohne sie miteinander zu mischen, nebeneinander setzte. Eigentlich müßten sie auf diese Weise die volle Intensität ihres Glanzes entfalten können. Doch dies geschieht nicht zur Gänze, da Heckel durch die Beigabe von schwarzen Schraffuren eine Verschmutzung der Farbtöne und so eine Verschleierung ihrer Leuchtkraft erreicht. Die reinfarbige Heiterkeit der Dresdener Jahre war nun endgültig Vergangenheit geworden.

(1) Für diesen Hinweis danke ich Herrn Prof. Dr. Ulrich Schulte-Wülwer, Flensburg.
(2) Vgl. auch Christine Szkiet, Erich Heckel in Angeln an der Flensburger Förde, in: Ausst-Kat. Erich Heckel — Sein Werk der 20er Jahre, Brücke-Museum Berlin, München 2004, S. 33-38.
(3) Christiane Remm, Heimatliche Landschaften und Reisebilder, in: Ausst.-Kat. Brücke und Berlin. 100 Jahre Expressionismus. Eine Ausstellung des Kupferstichkabinetts und der Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin in Zusammenarbeit mit dem Brücke-Museum Berlin, Berlin 2005, S. 152 f.

Janina Dahlmanns

Aus: Moeller, Magdalena M. (Hrsg.): Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2006.

Klassifizierungsdetails

Literatur

Die "Brücke" : Meisterwerke aus dem Brücke-Museum Berlin, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2000, Kat. Nr.83

Das Brücke-Museum, Reidemeister, Leopold, Berlin, 1984, Abb. S.127

Das Brücke-Museum Berlin, Moeller, Magdalena M., München : Prestel, 1996, Abb. S.58

Die "Brücke" : Gemälde, Zeichnungen, Aquarelle und Druckgraphik von Ernst-Ludwig Kirchner, Karl Schmitt-Rottluff, Erich Heckel, Max Pechstein, Emil Nolde und Otto Mueller aus der Sammlung des Brücke-Museums Berlin, Benesch, Evelyn, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 1995, Kat. Nr.77

Brücke : la nascita dell´espressionismo, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, Milano : Mazzotta, 1999, Kat. Nr.77

Brücke und Berlin : 100 Jahre Expressionismus, Arnold-Becker, Alice , Berlin : Nicolai, 2005, Abb. S.179, Kat. Nr.30

Die "Brücke" : Meisterwerke des Expressionismus aus dem Brücke-Museum Berlin, Moeller, Magdalena M., Berlin : Brücke-Museum, 2000, Kat. Nr.83

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik : kommentiertes Verzeichnis der Bestände, Beloubek-Hammer, Anita, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2006, Erw. S.102, Abb. S.103, Kat. Nr.26

Brücke Museum Highlights, Moeller, Magdalena M., München : Hirmer, 2017, Kat. Nr.87

Erich Heckel : der große Expressionist ; Werke aus dem Brücke-Museum Berlin, Bielefeld, Marlene, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2013, Kat. Nr.95

... die Welt in diesen rauschenden Farben. Meisterwerke aus dem Brücke-Museum Berlin, Magdalena M. Moeller, Rainer Stamm, Christiane Remm, Gloria Köpnick, Magdalena M. Moeller und Rainer Stamm, Hirmer Verlag, München, 2016, Kat. Nr.41