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Künstler

Erich Heckel

Titel

Römisches Stilleben

Jahr
1909
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 70 x 59,5 cm
Rahmenmaß 81,6 x 70,7 x 4,5 cm
Details zum Erwerb
Erworben 1977
Credits
Copyright (Print): Nachlass Erich Heckel, Hemmenhofen
Copyright (Online): VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Von Februar bis Juni 1909 bereiste Erich Heckel Italien. Über München führte es ihn nach Verona, Padua, Venedig, Ravenna und endlich bis Rom, wo ein längerer Aufenthalt folgte. Weiter ging es dann nach Neapel, anschließend zurück durch Umbrien und die Toskana.(1) Für die zahllosen mitteleuropäischen Künstler im 19. Jahrhundert, die die italienischen Renaissance-Städte wie die arkadische Landschaft der Campagna systematisch bereist hatten, gehörte die »Grand Tour« zum unerlässlichen Programmpunkt ihrer akademischen Ausbildung. Im Gegensatz hierzu suchte Heckel nicht nach Eindrücken der antiken Stätten und der Kunst der Renaissance. Ihm ging es um Anregung und Eindrücke durch eine neue Landschaft, um intensives Licht und um Konzentration auf seine künstlerische Entwicklung. So war Heckels künstlerische Ausbeute der Reise in erster Linie Landschaften, aber auch Momentaufnahmen des Lebens auf der Straße und des Alltags. Häufig lässt sich daher die Entstehung eines Bildes in Italien am Motiv nicht unbedingt ablesen. Im vorliegenden Beispiel verrät der Fiasco, die bastumwickelte Weinflasche aus Mittelitalien, den italienischen Bezug. Die Betonung liegt jedoch vielmehr auf dem ländlichen Kontext der dargestellten Gegenstände. Sowohl der Fiasco wie der derbe Tonkrug und der schlichte Messingkessel sind Utensilien aus einer einfachen, rustikalen Welt.
Das Interesse Heckels zielt vor allem auf den Eigenwert der leuchtenden Farben, die zu ihrer Intensivierung auch komplementär gegeneinander gesetzt sind. Dabei arbeitete der Künstler mit verhaltener Raffinesse: dem locker schlingendem Himmelblau antwortet das warme, sonnige Gelb, das in ruhigen, kompakten Streifen aufgetragen ist. Dem kraftvollen, dichten Orange ist ein erdiges Grün in einzelnen Akzenten entgegengesetzt. Die Intensität der Farben wird durch die Konzentration auf die Grundfarben sowie durch das Stehenlassen der weißen Grundierung der Leinwand noch gesteigert. Auch der temperamentvolle Pinselstrich und die zunehmend frei werdende Binnengestaltung kommen durch diese Vorgehensweise besonders zur Geltung. Die locker fließenden Linien vermeiden alle Härten und Kanten, wirken großzügig und spontan und sind dabei der Zeichnung oder dem Aquarell verwandt.
Wie in den zeitgleichen Landschaften finden sich hier Charakteristika,(2) die für Heckels Schaffen wie für seinen Beitrag zur Entwicklung des kollektiven »Brücke«-Stils von großer Bedeutung sind. Hierzu gehört vor allem der Verzicht auf die Zentralperspektive zugunsten verschiedener Blick- und Fluchtpunkte in einem Bild. So wirkt die Standfläche der Gegenstände wie hochgeklappt, indem sie in der Aufsicht dargestellt ist. Die auf dieser Fläche stehenden Objekte hingegen sind in der Seitenansicht gezeigt. Gerade der Vergleich mit dem im Jahr zuvor entstandenen Stillleben »Tote Hühner« macht den entschlossenen Schritt in Richtung auf befreite Perspektive und Steigerung des Ausdrucks deutlich. Auch die Dynamik des Farbauftrags, die im Vorjahr zwar bereits vorhanden, jedoch noch ganz an den Gegenstand gebunden war, ist nun gelöst und entwickelt einen gestalterischen Eigenwert.
Das Gemälde wird heute als die Hauptseite präsentiert, da es sich hier um eines der seltenen Beispiele der während des Italienaufenthaltes entstandenen Ölbilder handelt. Der Künstler selber hatte das Stillleben bald schon als unwichtige Entwicklungsstufe betrachtet und nutzte bereits 1912 die andere Seite der Leinwand für das Gemälde »Sandabfuhr«. Das Stillleben wurde dabei mit Grundierung überstrichen, so dass es lange Zeit unbekannt blieb und daher 1965 auch nicht ins Werkverzeichnis von Paul Vogt aufgenommen wurde. Erst ein Sammler, der das
Bild von Heckel direkt erwarb, entdeckte es wieder und ließ es restaurieren.

(1) Die Stationen der Reise lassen sich aus einem Brief Heckels an Rosa Schapire vom 16. April 1909 rekonstruieren; publiziert in: Gerhard Wietek, Gemalte Künstlerpost. Karten und Briefe deutscher Künstler aus dem 20. Jahrhundert, München 1977, S. 32.
(2) Paul Vogt, Erich Heckel in Italien, in: Die Maler der »Brücke«. Sammlung Hermann Gerlinger, hrsg. von Heinz Spielmann, Christian Rathke, Hermann Gerlinger, Stuttgart 1995, S. 57-59.

Janina Dahlmanns

Aus: Moeller, Magdalena M. (Hrsg.): Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2006.

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
Signiert oben links: EH 09 (Signatur)
: Nicht bezeichnet (Bezeichnung)

Inventarnummer
3/77

Werkverzeichnisnummer
nicht bei Vogt

Literatur

3/77 v, Erich Heckel (1883 - 1970), Sandabfuhr, 1912

Die "Brücke" : Meisterwerke aus dem Brücke-Museum Berlin, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2000, Kat. Nr.77

Das Brücke-Museum, Reidemeister, Leopold, Berlin, 1984, Abb. S.53

Das Brücke-Museum Berlin, Moeller, Magdalena M., München : Prestel, 1996, Abb. S.55

Die "Brücke" : Gemälde, Zeichnungen, Aquarelle und Druckgraphik von Ernst-Ludwig Kirchner, Karl Schmitt-Rottluff, Erich Heckel, Max Pechstein, Emil Nolde und Otto Mueller aus der Sammlung des Brücke-Museums Berlin, Benesch, Evelyn, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 1995, Kat. Nr.71

Brücke : la nascita dell´espressionismo, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, Milano : Mazzotta, 1999, Kat. Nr.71

Brücke und Berlin : 100 Jahre Expressionismus, Arnold-Becker, Alice , Berlin : Nicolai, 2005, Kat. Nr.25

Die "Brücke" : Meisterwerke des Expressionismus aus dem Brücke-Museum Berlin, Moeller, Magdalena M., Berlin : Brücke-Museum, 2000, Kat. Nr.77

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik : kommentiertes Verzeichnis der Bestände, Beloubek-Hammer, Anita, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2006, Erw. S.86, Abb. S.87, Kat. Nr.21

Erich Heckel : der große Expressionist ; Werke aus dem Brücke-Museum Berlin, Bielefeld, Marlene, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2013, Erw. S.90, Kat. Nr.53