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Künstler

Erich Heckel

Titel

Tote Hühner

Jahr
1908
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 60 x 60 cm
Rahmenmaß 69 x 69 x 2,3 cm
Details zum Erwerb
Erworben 1966 als Schenkung von Erich Heckel
Credits
Copyright (Print): Nachlass Erich Heckel, Hemmenhofen
Copyright (Online): VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Bei dem Gemälde »Tote Hühner« handelt es sich um eines der wenigen Stillleben aus der frühen »Brücke«-Zeit. Da die Malerei der jungen Künstler von einem sehr impulsiven und spontanen Gestaltungsdrang geprägt war, entwickelten sie wenig Interesse für die Beschäftigung mit der unbelebten Welt der Dinge.(1) Jedoch hat Heckel im Jahr 1908 zwei Stillleben geschaffen, die von der Faszination für die Flüchtigkeit des Augenblicks zeugen. Sowohl die »Heringe«(2) wie auch die »Toten Hühner« beziehen sich auf die Mahlzeit. Die geschlachteten Hühner sind auf einem Hocker offenbar zum Ausnehmen zurechtgelegt. Lange wird der Augenblick, der dem Künstler zur Erfassung des Gesehenen bleibt, nicht dauern.
Motivisch klingt in dem Bild die Tradition des barocken Küchenstillebens an, bei dem Gemüse, Obst und für Zubereitung vorgesehene Tiere malerisch arrangiert wurden. Neben ihrer optischen Opulenz gemahnten sie auch symbolisch an die Vergänglichkeit des Seins.(3) Bei Heckel jedoch ist der Vanitas-Gedanke ganz konkret. Er äußert sich nicht nur im Motiv und dessen Bedeutungsebene, sondern auch in der Malweise, die mit schnellem Pinselstrich und zusammenfassenden Farbtupfen den Augeneindruck erfasst. Durch die Richtung des Duktus wie durch die Komposition mit dem trapezförmig ins Bild eingeschriebenen Hocker entsteht eine dynamische Bewegung. Sie prägt den Bildausschnitt in der von rechts oben nach links unten stürzenden Diagonale.
Entstanden ist das Bild während Heckels Aufenthalt in Dangast von Frühjahr bis Herbst 1908. Auf der Suche nach Ruhe und Abgeschiedenheit hatte Heckel seinen Lebensmittelpunkt ebenso wie Schmidt-Rottluff in den kleinen Ort im Oldenburger Land verlegt. Beide verbrachten hier die Sommermonate der Jahre 1907 und 1908, Schmidt-Rottluff auch 1909. Anregend war für die Künstler in diesen Monaten neben der rauen, weiten Landschaft auch der derbe, rustikale Charakter der bäuerlichen Lebenswelt. Diese unverbildete Einfachheit und Schlichtheit des Alltags wird eben in dem Stillleben mit den frisch geschlachteten, zur eigenhändigen Weiterverarbeitung bestimmten Hühnern ausgedrückt. Nicht das gerupfte und ausgenommene Huhn, das der Metzgermeister im Geschäft bereits fertig präpariert hat, liegt in der Küche, sondern das soeben noch lebende Tier, das nun verarbeitet werden muss. Die Nähe des bäuerlichen Menschen zur Natur, die ihn ernährt und deren integraler Teil er ist, wird also in diese Darstellung einbezogen. Hier findet sich auch der Verbindungspunkt zum gedanklichen Hintergrund der »Brücke«-Kunst der Unmittelbarkeit und Unverfälschtheit, die sich in der Begeisterung für einfach lebende Menschen und Naturnähe äußerte. Dieses Stillleben ist somit auch eine Stellungnahme zum Selbstverständnis der jungen Künstler: sie kehrten sich zivilisationsmüde von der bürgerlichen, übersättigten Gesellschaft ab, um ein naturnahes, von Konventionen freies Leben jenseits der modernen Städte zu leben.

(1) Paul Vogt, Erich Heckel, Recklinghausen 1965, S. 72.
(2) Stilleben, Heringe, 1908; Öl auf Leinwand, 51 x 64 cm, Vogt 21/08, Privatbesitz.
(3) Sybille Ebert-Schifferer, Die Geschichte des Stillebens, München 1998, S. 137 ff.

Janina Dahlmanns

Aus: Moeller, Magdalena M. (Hrsg.): Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2006.

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
Signiert unten rechts: 08 EH (Signatur)
: Nicht bezeichnet (Bezeichnung)

Inventarnummer
4/66

Werkverzeichnisnummer
Vogt 1908 /20

Literatur

4/66 v, Erich Heckel (1883 - 1970), Blühende Zweige, 1905

Die "Brücke" : Meisterwerke aus dem Brücke-Museum Berlin, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2000, Kat. Nr.76

Verzeichnis der zur Eröffnung ausgestellten Werke September 1967 bis März 1968, Heinrich Albertz, Werner Stein, Leopold Reidemeister, Werner Stein, Berlin, Berlin : Brücke-Museum, 1967, Abb. S.Tafel 3, Kat. Nr.61

Erich Heckel - Meisterwerke des Expressionismus : Aquarelle und Zeichnungen aus der Sammlung des Brücke-Museums Berlin, Hoffmann, Meike, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 1999, Kat. Nr.52

Das Brücke-Museum, Reidemeister, Leopold, Berlin, 1984, Abb. S.43

Das Brücke-Museum Berlin, Moeller, Magdalena M., München : Prestel, 1996, Abb. S.54

Die "Brücke" : Gemälde, Zeichnungen, Aquarelle und Druckgraphik von Ernst-Ludwig Kirchner, Karl Schmitt-Rottluff, Erich Heckel, Max Pechstein, Emil Nolde und Otto Mueller aus der Sammlung des Brücke-Museums Berlin, Benesch, Evelyn, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 1995, Kat. Nr.70

Erich Heckel : 1883 - 1970 ; Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Graphik, Dube, Annemarie, München : Prestel, 1983, Abb. S.93, Kat. Nr.12

Künstler der Brücke : Gemälde der Dresdener Jahre 1905-1910, Reidemeister, Leopold, Berlin, 1973, Abb. S.Tafel 3, Kat. Nr.5

Brücke : la nascita dell´espressionismo, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, Milano : Mazzotta, 1999, Kat. Nr.70

Die "Brücke" : Meisterwerke des Expressionismus aus dem Brücke-Museum Berlin, Moeller, Magdalena M., Berlin : Brücke-Museum, 2000, Kat. Nr.76

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik : kommentiertes Verzeichnis der Bestände, Beloubek-Hammer, Anita, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2006, Erw. S.82, Abb. S.83, Kat. Nr.20

Erich Heckel : der große Expressionist ; Werke aus dem Brücke-Museum Berlin, Bielefeld, Marlene, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2013, Erw. S.89, Kat. Nr.52