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Künstler

Erich Heckel

Titel

Mann in jungen Jahren

Jahr
1906
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 47,5 x 36 cm
Rahmenmaß 58 x 46 x 2,5 cm
Verknüpfte Ausstellungen
Die Brücke 1905 - 1914, 2018/19, Museum Frieder Burda, Baden-Baden
Künstler der Brücke. Gemälde der Dresdener Jahre 1905 - 1910, 1973, Brücke Museum, Berlin
Details zum Erwerb
Erworben 1971 als Schenkung von Siddi Heckel
Credits
Copyright (Print): Nachlass Erich Heckel, Hemmenhofen
Copyright (Online): VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Mann in jungen Jahren ist die Antwort Heckels auf die Konfrontation mit der Kunst Vincent van Goghs. Die direkte Begegnung mit dessen stark emotionsgeladener Malerei 1905, die das Subjektive in Farbe, Form und Pinselstrich absolut über das Objektive, das Gesehene und Gewusste stellte, waren für Heckel eine Offenbarung. Aus den kurzen, »pointilistischen« Farbsetzungen wurden nun Zonen farbiger Linien, die durch Bündelung, Konzentration und definierte Richtung die Komposition im Sinne der Darstellung gliedern. Lockere, gleichmäßig gesetzte Pinselstriche bezeichnen den Bildhintergrund, von dem sich das Selbstportrait Heckels deutlich durch heftigere Handschrift und differenziertere Farbgebung absetzt. Durch kleinste Variationen des Striches modellierte Heckel Körper und Kopf effektvoll; wenige skizzenhafte, kräftige Farbsetzungen höhen markante Stellen der Physiognomie. Meisterhaft suggerierte Heckel Räumlichkeit und Plastizität. Die gesteigerte Licht-Schatten-Situation spricht die Empfindung direkt an und geht über van Goghs Ausdrucksintention hinaus.
In seinem Selbstbildnis »Mann in jungen Jahren« setzte sich Heckel mit der Tradition der Bildniskunst auseinander. Als Autodidakt war er nicht an gattungsspezifische Vorgaben gebunden. Gleichwohl war ihm geläufig, welche Funktionen ein Portrait traditionell zu erfüllen hatte. Repräsentation und Vergegenwärtigung, die älteste Bildnisaufgabe seit der Antike, nahm auch Erich Heckel für sich in Anspruch. Gegenüber konventionellen Bildnissen, die noch im 19. Jahrhundert sehr oft deutliche Standes- oder Rollenportraits waren, entwirft der »Mann in jungen Jahren« jedoch ein gänzlich anderes Menschenbild: Hier verschmelzen die berufliche (öffentliche) und die private Ebene miteinander — ganz so, wie es dem Menschen Heckel entsprach: sein Selbstverständnis gründete auf dem Bestreben, Kunst (Arbeit) und Leben als Einheit zu betrachten. Menschlicher Stolz und selbstbewusstes Künstlertum, Unabhängigkeit und Freiheit bestimmen die Aussage seines Selbstbildnisses. Formatfüllend setzte er sich im Brustausschnitt ins Bild, Schultern und Kopf vom Bildrand angeschnitten. Dies gewährleistet eine ungeheure Präsenz. Im Widerspruch dazu steht die Drehung Heckels aus der Bildmitte heraus und sein Blick, der nicht dem Betrachter gilt, sondern an diesem vorbei schweift und »ins Nirgendwo gerichtet« ist — Heckel schaut nach innen. Die legere Haltung des Sichaufstützens, eine Geste des Nachdenkens oder Träumens schmälert den Repräsentationsgehalt des Bildnisses nicht. Dieser beschränkte sich spätestens seit dem späten 19. Jahrhundert nicht mehr auf Insignien staatlicher, amtlicher oder beruflicher Ehre, sondern zeigt sich erweitert um Dimensionen des Innerlichen, des Emotionalen oder Geistigen. Das fotografisch erzeugte Portrait hatte das malerische Bildnis vom Anspruch der möglichst naturgetreuen Wiedergabe der Physiognomie befreit. In Experimenten mit Form, Farbe und Gestus in der Malerei ist die Abbildung von abstrakten psychischen Zuständen wie Spannung, Angst, Zweifel oder Unruhe, aber auch Freude, Zuneigung oder Stolz sehr viel direkter möglich. Maßgebliche Meilensteine innerhalb dieser Entwicklung sind die zahlreichen Bildnisse und Selbstbildnisse van Goghs. Die psychogene Charakterisierung der Dargestellten bestimmt die Erscheinung sowie den malerischen Duktus.
Heckels Selbstbildnis entspricht dieser Portraitauffassung. Es zeigt einen Menschen, der kraft seiner Individualität die Welt und sich selbst reflektiert, der vom Leben gezeichnet und sich dessen bewusst ist. Sein Habitus ist — im Gegensatz zu dem van Goghs — eher positiv besetzt. Trotz seiner melancholischen Grundgestimmtheit, die einer persönliche Disposition geschuldet ist, sitzt uns ein ernsthafter, konzentrierter junger Mann gegenüber, der motiviert, engagiert und verantwortungsbewusst Optimismus und Zuversicht ausstrahlt — der freie Künstler und Geschäftsführer der Künstlergruppe »Brücke«. Heckel verzichtete dem neuen Anspruch der Bildniskunst zufolge auf die Attribute seines Berufsstandes — keine Palette, kein Pinsel, keine Staffelei oder Leinwand, nicht einmal eine nähere Definition des Raumes als Atelier —, allein seelische Qualitäten zählen.

Christiane Remm

Aus: Magdalena M. Moeller (Hg.), Brücke-Museum Berlin. Malerei und Plastik. Kommentiertes Verzeichnis der Bestände, München 2005, Nr. 17

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
Monogrammiert unten links: EH 06 (Signatur)
Rückseitig auf dem Bildträger: Erich Heckel 06/ Mann/ in jungen Jahren (Bezeichnung)
Rückseitig auf dem Rahmen: Heckel Mann i. ... [unleserlich] (Bezeichnung)

Inventarnummer
26/71

Werkverzeichnisnummer
Vogt 1906 / 3

Literatur

Die "Brücke" : Meisterwerke aus dem Brücke-Museum Berlin, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2000, Kat. Nr.73

Das Brücke-Museum, Reidemeister, Leopold, Berlin, 1984, Abb. S.25

Das Brücke-Museum Berlin, Moeller, Magdalena M., München : Prestel, 1996, Abb. S.52

Die "Brücke" : Gemälde, Zeichnungen, Aquarelle und Druckgraphik von Ernst-Ludwig Kirchner, Karl Schmitt-Rottluff, Erich Heckel, Max Pechstein, Emil Nolde und Otto Mueller aus der Sammlung des Brücke-Museums Berlin, Benesch, Evelyn, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 1995, Kat. Nr.67

Erich Heckel : 1883 - 1970 ; Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Graphik, Dube, Annemarie, München : Prestel, 1983, Abb. S.85, Kat. Nr.1

Künstlergruppe Brücke : Geschichte, Leben und Werk ihrer Maler, Jähner, Horst, Berlin : Kohlhammer, 1984, Abb. S.115

Künstler der Brücke : Gemälde der Dresdener Jahre 1905-1910, Reidemeister, Leopold, Berlin, 1973, Abb. S.Tafel 5, Kat. Nr.7

Erich Heckel : paintings, watercolours, drawings, graphics. 1971-1972, Berlin, 1971, Kat. Nr.2

Brücke : la nascita dell´espressionismo, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, Milano : Mazzotta, 1999, Kat. Nr.67

Die "Brücke" : Meisterwerke des Expressionismus aus dem Brücke-Museum Berlin, Moeller, Magdalena M., Berlin : Brücke-Museum, 2000, Kat. Nr.73

Ernst Ludwig Kirchner und die "Brücke" : Selbstbildnisse - Künstlerbildnisse, Kunsthalle Bielefeld, Jutta Hülsewig-Johnen, Bielefeld, Bielefeld : Kerber, 2005, Abb. S.28

Brücke : el nacimiento del expresionismo alemán, Arnaldo, Javier, [Madrid] : Museo Thyssen-Bornemisza, 2005, Kat. Nr.43

Brücke : el naixement de l'expressionisme alemany, Arnaldo, Javier, Barcelona : Lunwerg, 2005, Abb. S.100

Brücke : die Geburt des deutschen Expressionismus, Javier, Arnaldo, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2005, Erw. S.140, 240, Abb. S.149, Kat. Nr.42

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik : kommentiertes Verzeichnis der Bestände, Beloubek-Hammer, Anita, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2006, Erw. S.76, Abb. S.77, Kat. Nr.17

Brücke Museum Highlights, Moeller, Magdalena M., München : Hirmer, 2017, Kat. Nr.83

Erich Heckel : der große Expressionist ; Werke aus dem Brücke-Museum Berlin, Bielefeld, Marlene, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2013, Kat. Nr.3

Künstler der Brücke. Gemälde der Dresdener Jahre 1905 - 1910 Ausstellung im Brücke-Museum vom 8. September bis 28. Oktober 1973, Leopold Reidemeister, Senator für Wissenschaftund Kunst, Berlin, 1973, Abb. S.Tafel 5, Kat. Nr.7