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Künstler

Erich Heckel

Titel

Brandstätte

Jahr
1904
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 45 x 70 cm
Rahmenmaß 58 x 82 x 4 cm
Details zum Erwerb
Seit 1976 als Dauerleihgabe aus dem Nachlass Erich Heckel, Hemmenhofen
Credits
Copyright (Print): Nachlass Erich Heckel, Hemmenhofen
Copyright (Online): VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Nachlass Erich Heckel, Hemmenhofen
Besitz: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Das früheste bekannte Gemälde Heckels, Brandstätte, entstand im Jahr seiner Übersiedlung von Chemnitz nach Dresden. Möglicherweise malte er das Bild noch vor diesem Umzug, es wäre dann das einzige erhaltene Werk aus seiner Chemnitzer Schülerzeit. Auf jeden Fall aber bezieht sich das Motiv, ein mit typischen Bauernhäusern umstandener Platz einer Ortschaft, auf seine sächsische Heimat. Als Gymnasiast in Chemnitz unternahm Heckel regelmäßig Ausflüge in die ländliche Umgebung, um vor der Natur zu zeichnen und zu malen, oft begleitet von seinem Freund Karl Schmidt (später Schmidt-Rottluff). Beide hatten sich im Chemnitzer Schülerklub Vulkan kennen gelernt, wo sich Schüler der oberen Klassen mehrerer Chemnitzer Schulen trafen, um über literarische, philosophische und bildkünstlerische Themen zu diskutieren. In Chemnitz erhielt Heckel auch eine intensive künstlerische Grundausbildung — das Gymnasium bot das freie Wahlfach Kunst an, an dem Heckel teilnahm. (1) Motiv und Darstellung der Brandstätte sind am Vorbild der zeitgenössischen Landschaftsmalerei orientiert. Heckel interessierte nicht das „große schöne“ Motiv des akademischen Kanons vergangener Jahrzehnte; er fand sein Motiv in der Nachbarschaft. Die Vorstellung von Heimat — ein Leitmotiv der deutschen Landschaftsmalerei um 1900 —, als eine emotional aufgeladene Naturdarstellung, die ein Gefühl von Nähe und Vertrautheit und einer subjektiv empfundenen Identität mit der heimischen Region vermittelt, (2) ist auch in Heckels Bild evident. Heckels Anliegen war dabei nicht eine feine, möglichst exakte physische Beschreibung des Motivs, ihm ging es um die „spontane“ Erfassung des gerade Gesehenen, das Festhalten eines optischen Eindruckes. Dieses Interesse verbindet seine Auffassung mit Ideen des französischen Impressionismus. Auch die Ausführung des Gemäldes scheint von der impressionistischen Methode des fleckigen Auftrags reiner Farben inspiriert, (3) die er allerdings weder kopierte noch ihrer Gesetzmäßigkeit nach anwendete. Heckel löste das Problem der Darstellung von Licht und lichtbasierenden Erscheinungen nach dem Vorbild der deutschen Freilichtmalerei.(4) Die Beschäftigung mit den Lichteigenschaften von Farbe führte hier zu der Erkenntnis, dass helles Farbpigment, pastos aufgetragen, allein aus der Materie Lichtqualität entwickeln kann — ein deutscher „Parallelweg“ zum immateriellen Bildlicht der Franzosen. Sehr souverän weist Heckel in Brandstätte den hellen Farbflecken Eigenschaften des Lichtes und somit bildnerischen Eigenwert zu. Das Motiv, die Fassaden der Häuser, die Oberflächen bzw. Schnittflächen der Baumstämme oder die Mauer rechts im Bild werden zur Folie für wahrgenommene Lichtreflexe, die Heckel in wild „flimmernder“ Farbsetzung simuliert. Er löst bildliche Details in einzelne Farbstriche und -flecken auf, die er gleichzeitig durch vehementen Gestus zu größeren Materie-Flächen zusammenfasst. Mit diesen Flächen rhythmisiert Heckel die Komposition, verdrängt Räumlichkeit und Atmosphäre. Hier steht nicht die szenische Darstellung oder gar die Handlung im Mittelpunkt. Vielmehr treten Stofflichkeit und Arrangement in den Vordergrund, die Farbmaterie überlagert die gegenständliche Form und hebt sie teilweise auf. Ein Abstraktionsprozess tritt ein, der weit über impressionistische Prinzipien hinausgeht. Heckels Leidenschaft beim Malen verwandelt sich in ein Bild der „Verwüstung“ sowohl methodisch als auch motivbezogen (Brandstätte). Die ungestüme Kraft seiner subjektiv bewegten Malerei überträgt sich auf den Betrachter. Authentizität und Unmittelbarkeit — wesentliche Aspekte des Brücke-Expressionismus — sind in diesem Frühwerk Heckels bereits offensichtlich. Die Brandstätte erscheint wie ein flüchtiger Augenblick, festgehalten in einem Moment der Begeisterung, wie sie sein späterer Lehrer Fritz Schumacher beschrieb: „... wenn wir uns sonst irgendwo an einer schönen Stelle niederließen, blieb er müßig daneben sitzen; fuhren wir aber dann im Eisenbahnwagen singend durch das Land und blickten auf weite Felder, in denen Hunderte von fleißigen Landleuten bei der Ernte waren, dann zog Heckel plötzlich sein Skizzenbuch heraus und hieb in wildem Eifer besessene Linien aufs Papier.“ (5)

(1) Mit einer seiner Zeichnungen erlangte er 1904 öffentliche Anerkennung, als diese von der Chemnitzer Kunsthütte prämiert wurde.
(2) Henrik Karge, „Die Naturauffassung der Brücke im Kontext der deutschen Landschaftsmalerei um 1900“, in: Ausst.-Kat. Die Brücke in Dresden 1905-1911, hg. v. Birgit Dalbajewa und Ulrich Bischoff, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Galerie Neue Meister, Köln 2001, S. 295-303, S. 300.
(3) Es kann als sicher gelten, dass Heckel von der modernen französischen Malerei Kenntnis hatte, wenn nicht aus erster Hand, so doch mindestens über Reproduktionen und Anregungen der Zusammenkünfte im Vulkan und über Karl Schmidt-Rottluff, dessen Kunstlehrer Friedrich Otto Uhlmann auch nach Vorlagen französischer Impressionisten arbeiten ließ.
(4) vgl. Karge (wie Anm. 2); Heinz Spielmann, „Begegnungen mit der sächsischen Freilichtmalerei“, in: Die Brücke und die Moderne 1904-1914, hg. v. Heinz Spielmann und Ortrud Westheider, München 2004, S. 62f.
(5) Zitiert nach Heinz Köhn, Erich Heckel. Aquarelle und Zeichnungen, München 1959, S. 7.

Christiane Remm

Aus: Moeller, Magdalena M. (Hrsg.): Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2006, S. 72 (Kat. Nr. 15)

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
Monogrammiert unten links: EH 04 (Signatur)
Rückseitig: Heckel Brandstätte 1904 (Bezeichnung)
Rückseitig auf dem Rahmen: Erich Heckel Brandstätte 1904 (Bezeichnung)

Inventarnummer
DL 1976/1

Werkverzeichnisnummer
Vogt 1904 / 1

Literatur

Die "Brücke" : Gemälde, Zeichnungen, Aquarelle und Druckgraphik von Ernst-Ludwig Kirchner, Karl Schmitt-Rottluff, Erich Heckel, Max Pechstein, Emil Nolde und Otto Mueller aus der Sammlung des Brücke-Museums Berlin, Benesch, Evelyn, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 1995, Kat. Nr.66

Erich Heckel : 1883 - 1970 ; Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Graphik, Dube, Annemarie, München : Prestel, 1983, Abb. S.87, Kat. Nr.3

Künstlergruppe Brücke : Geschichte, Leben und Werk ihrer Maler, Jähner, Horst, Berlin : Kohlhammer, 1984, Abb. S.114

Erich Heckel : paintings, watercolours, drawings, graphics. 1971-1972, Berlin, 1971, Kat. Nr.1

Brücke : la nascita dell´espressionismo, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, Milano : Mazzotta, 1999, Kat. Nr.66

Brücke : el nacimiento del expresionismo alemán, Arnaldo, Javier, [Madrid] : Museo Thyssen-Bornemisza, 2005, Kat. Nr.14

Brücke : el naixement de l'expressionisme alemany, Arnaldo, Javier, Barcelona : Lunwerg, 2005, Abb. S.66

Brücke : die Geburt des deutschen Expressionismus, Javier, Arnaldo, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2005, Erw. S.98, Abb. S.110, Kat. Nr.12

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik : kommentiertes Verzeichnis der Bestände, Beloubek-Hammer, Anita, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2006, Erw. S.72, Abb. S.73, Kat. Nr.15

Brücke Museum Highlights, Moeller, Magdalena M., München : Hirmer, 2017, Kat. Nr.81

Erich Heckel : der große Expressionist ; Werke aus dem Brücke-Museum Berlin, Bielefeld, Marlene, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2013, Erw. S.18, Kat. Nr.1