Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938)

Der Maler, Graphiker und Bildhauer Ernst Ludwig Kirchner wurde am 6. Mai 1880 in Aschaffenburg geboren. 1901 begann er ein Architekturstudium an der Technischen Hochschule in Dresden, das er 1903/04 in München fortsetzte und 1905 in Dresden abschloß. Gemeinsam mit den Studienkollegen Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Fritz Bleyl gründete Kirchner im Juni 1905 die Künstlergruppe „Brücke“ und widmete sich fortan Malerei, Zeichnung und Druckgraphik. 1906 lernte er Doris Große kennen, die ihm bis 1911 als bevorzugtes Modell diente. In den Jahren 1907 bis 1911 führten ihn Sommeraufenthalte mit verschiedenen „Brücke“-Künstlern nach Goppeln, an die Moritzburger Seen und nach Fehmarn. Im Mittelpunkt seines Schaffens stand die Darstellung des weiblichen Aktes in der freien Natur, ausgedrückt in farbkäftigen und impulsiven Bildern.

Nach der 1911 erfolgten Übersiedlung nach Berlin gründete Kirchner zusammen mit Max Pechstein das MUIM-Institut, um die neuen künstlerischen Ansichten und Forderungen als „Moderner Unterricht im Malen“ zu vermitteln; aufgrund mangelnder Rentabilität löste sich die private Kunstschule 1912 wieder auf. 1912 machte Kirchner die Bekanntschaft mit Erna Schilling, die bis zu seinem Tod als Lebensgefährtin an seiner Seite stand. Ein Höhepunkt diesen Jahres bedeutete die Teilnahme an der „Sonderbund-Ausstellung“ in Köln und die dortige Ausmalung einer „Kapelle“ mit Heckel. Bis 1914 führten ihn regelmäßige Malaufenthalte auf die Ostseeinsel Fehmarn. 1913 verfaßte Kirchner die „Chronik der Brücke“, die den Anlas zur Auflösung der Gruppe gab. Die erste Einzelausstellung im Museum Folkwang in Essen etablierte sein Werk im zeitgenössischen Kunstgeschehen. In den Jahren 1913 bis 1915 schuf Kirchner die Serie der berühmten Großstadtbilder, in der er das pulsierende Leben des modernen Berlin mit hektisch-nervösem Pinselstrich einfing. 1914 meldete sich Kirchner als Freiwilliger zum Kriegsdienst und wurde im Juli 1915 einberufen. Nach einem Nervenzusammenbruch wurde Kirchner Ende 1915 als Soldat entlassen, 1916 und 1917 folgten Behandlungsaufenthalte in Sanatorien im Taunus und im schweizerischen Davos.

1918 siedelte Kirchner nach Davos über, bezog ein Bauernhaus inmitten der Alpen und widmete sich bis zu seinem Tod vorrangig dem Thema der Bergwelt. Um 1920 machten zahlreiche Ausstellungen das Schaffen des Künstlers in Deutschland und der Schweiz bekannt. 1923 zog Kirchner nach Frauenkirch-Wildboden um. Eine große Ausstellung seiner Arbeiten in der Kunsthalle Basel veranlaßte die Schweizer Maler Paul Camenisch, Albert Müller und Hermann Scherer zur Gründung der Künstlergruppe „Rot-Blau“. 1925/26 unternahm Kirchner eine letzte Reise nach Deutschland. Die späten 20er Jahre waren von künstlerischem Erfolg gekennzeichnet: 1926 erschien die erste Monographie sowie der erste Teil des Graphik-Werkverzeichnisses und Davos zeigte eine umfangreiche Einzelausstellung, 1927 erfolgte der Auftrag für Wandmalereien im Essener Museum Folkwang, 1928 datiert die Teilnahme an der Biennale in Venedig. 1931 trat er der Preußischen Akademie der Künste als Mitglied bei. 1937 wurde Kirchner von den Nationalsozialisten als „entarteter“ Künstler diffamiert und seine Werke in Museen beschlagnahmt. Am 15. Juni 1938 wählte Kirchner den Freitod.
Text: Andreas Gabelmann

 

 


Artistin Marcella , 1910
Brücke-Museum, Berlin