Ausstellung

 

Aquarelle von Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff

17. September – 11. März 2012 (Erich Heckel)
17. September – 27. November 2011 (Schmidt-Rottluff)

Brücke-Museum Berlin

Die Herbstausstellung im Brücke-Museum steht in diesem Jahr unter dem Motto des Aquarells. Mit ausgewählten Beispielen dieser für das Schaffen der „Brücke“-Künstler bedeutsamen Technik werden dessen Besonderheiten sichtbar, lässt sich der eigene Reiz der Farbgebung und die Strukturierung der Bildfläche durch die Farbe erkunden. Die Ausstellung fokussiert auf die beiden Mitbegründer der „Brücke“ Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff, zugleich werden damit die beiden Persönlichkeiten geehrt, die durch ihre umfangreichen Schenkungen den Grundstein für das 1967 eröffnete Museum legten.
Die Aquarelle von Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff vermitteln die jeweilige Wesensart der beiden Künstler, die gemäß dem expressionistischen Selbstverständnis in der Handschrift und der Charakteristik des Kunstwerks sichtbar werden. Gerade bei Heckel und Schmidt-Rottluff wird dies deutlich nachvollziehbar: Heckel wurde im Kreise der „Brücke“ schon früh als der Dichter, als der Poet bezeichnet. Das laute Wort war nicht seine Art, vielmehr prägten Zurückhaltung und Bescheidenheit sein Wesen. Dies wird auch in seinen Aquarellen deutlich, die mit sparsamen Mitteln das Wesentliche betonen, in seinem späteren Schaffen dann von zarter Transparenz und subtiler Farbgebung sind. Ganz anders dagegen Schmidt-Rottluff, der kraftvoll zupackend und von eigensinnigem Selbstbewusstsein war. Von intensiver Energie sind auch seine leuchtenden Farben, formale interessierte er sich stark für die plastischen Werte im Bildraum. So werden die Charaktere der beiden Künstlerfreunde im direkten Vergleich der Aquarelle nachvollziehbar.

Auch geben die gezeigten Aquarelle einen tiefen Einblick in die Arbeitsweise der Künstler. Für Erich Heckel war das Aquarell eine dem Gemälde gleichwertige Technik, in der er die unterschiedliche Wirkung der Farbe in sorgfältig durchdachten Kompositionen untersuchte. Oft realisierte er dasselbe Motiv in beiden Techniken, um die Farbwirkung der Wasserfarbe gegenüber der der Ölfarbe zu sehen. Vor allem in seinen Reisebildern und Landschaften ist dieses Phänomen festzustellen.
Auf zahlreichen Reisen in die verschiedensten Regionen in Deutschland wie in Europa sammelte er zeichnerische Eindrücke, welche er dann im Atelier sowohl im Aquarell als auch im Gemälde ausarbeitete. In den rund 80 Aquarellen aus sämtlichen Schaffensphasen lässt sich auch seine Stilentwicklung verfolgen: Die starkfarbig leuchtenden Blätter der „Brücke“-Zeit zeigen die jugendliche Aufbruchsstimmung des Expressionismus, dabei stechen die Blätter aus dem bei Dresden gelegenen Moritzburg und Arbeiten von einer Italienreise hervor. In den 1920er Jahren entwickelte Heckel dann mit seinen zarten, transparenten Blätter von der Ostseeküste einen fast romantischen Ausdruck, getragen von einem verinnerlichten Naturempfinden. Aus dieser Zeit stammen auch die zahlreichen Stadtveduten und die Landschaften der unterschiedlichen Regionen, der Norden ist dabei mit Schweden vertreten, der Süden mit der Provence und den Pyrenäen, die Alpen erscheinen ebenso wie die Mittelgebirge Deutschlands. Sein besonderes Interesse galt dabei der eigenen Charakteristik eines Ortes oder einer Landschaft, die er vor allem im Licht darzustellen suchte.
Auch im Spätwerk der Nachkriegszeit dominiert die Landschaft, die nicht nur Topografie, sondern stets auch Licht und Atmosphäre wiedergibt. Von sublimer Intensität und farbgewordener Altersweisheit zeugen die ornamentalen Blätter, die die Natur in Nahsicht zum Ornament umformt.
Die gezeigten Arbeiten Erich Heckel stammen allesamt aus der Sammlung des Brücke-Museums und sind Teil einer Schenkung von Siddi Heckel, der Witwe des Malers, aus dem Jahr 1970.

Die Aquarelle Schmidt-Rottluffs stammen hingegen aus einer privaten Sammlung; mit der Ausstellung können die rund 40 Blätter damit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden und einen Blick auf die fast unbekannten Arbeiten eröffnen.
Motivisch dominiert auch in Schmidt-Rottluffs Aquarellen die Landschaftsdarstellung, wobei sich sein Fokus weniger deutlich auf die topographische Wiedererkennbarkeit richtete wie bei Heckel. Vielmehr behandeln sie das kompositorische Zusammenspiel von Form und Farbe, greifen bisweilen eine innere Stimmung auf und werden zum Ausdruck des individuellen Landschaftserlebnisses. Auch das Stilleben war für Schmidt-Rottluff von enormer Bedeutung, da er hier in besonderem Maße die Frage der Komposition verfolgen konnte. Gewisse Anklänge an die Fragestellung von Cézanne sind dabei nicht zu verkennen, wobei Schmidt-Rottluff diese in die persönliche, vom Expressionismus geprägte Bildsprache übertrug.
Während Schmidt-Rottluff in den 1920er Jahren ganz aus der Farbe heraus arbeitete, diese wolkig und fließend auftrug sowie das Weiß des Blattes ganz im Sinne der Aquarellkunst einbezog, sind die Arbeiten der späten 1930er Jahre sehr stimmungsvoll gehalten. In den dunklen Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft, die Schmidt-Rottluff in einer Art „inneren Emigration“ an der pommerschen Ostseeküste verbrachte, schuf er mit seinen Naturbildern eine friedvolle Gegenwelt zu den politischen Schrecken der Zeit. In den Nachkriegsjahren ist ein starkes bildnerisches Ordnungsbedürfnis zu spüren, indem er den Bildraum mit schwarzem Tuschpinsel strukturierte. Vor diesem Gerüst entfalten sich die Farben in klar leuchtender Intensität. In fast gleicher Weise befasste er sich auch mit dem Stilleben, in denen er zu konstruktiven und zugleich kraftvollen Bildlösungen gelangte.

Die zeitgleich zu dieser Ausstellung erscheinende Buchpublikation des Brücke-Museums, das dem Aquarellschaffen Schmidt-Rottluff gewidmet ist, bietet erstmalig einen vollständigen Überblick dieser Technik in seinem Werk und ergänzt die Monographie seiner Gemälde, die letztes Jahr erschien.

Der Katalog zu Heckels Aquarellen publiziert alle Aquarelle aus der Schenkung von Siddi Heckel, wobei ihnen jeweils das zugehörige Gemälde gegenüber gestellt ist und so diese Besonderheit in Heckels Schaffen beleuchtet.


Text: Janina Dahlmanns
Die Autorin ist als freie Kunsthistorikerin für das Brücke-Museum tätig.


„Erich Heckel – Der stille Expressionist. Aquarelle als Vorstudien zu Gemälden“, München 2009, mit 121 Farbtafeln und 285 Seiten

„Karl Schmidt-Rottluff – Aquarelle“, München 2011, ca. 250 Abbildungen in Farbe und rund 300 Seiten